Abschrift · Drama
47 Sekunden
Marlene bittet den alten Nachbarn ihrer verstorbenen Mutter, eine letzte Sprachnachricht anzuhören, die sie selbst nicht ertragen kann. Was Herbert ihr daraufhin erzählt, schenkt ihr Frieden, doch die Wahrheit hinter seinen Worten ist eine ganz andere.
Erzähler
Dienstagabend, kurz nach sieben. Der Ohrensessel steht am Fenster wie seit 30 Jahren. Herbert Krauss sitzt darin, die Hände auf den Lehnen, reglos. Der Stoff unter seinen Fingern ist dünn geworden, abgewetzt an den Stellen, wo seine Handballen immer aufliegen.
Die Wohnung riecht nach Bohnerwachs und altem Holz. Schwere, dunkle Möbel drücken den Raum zusammen. In der Schrankwand stehen Porzellanfiguren, die niemand mehr abstaubt. Der Fernseher läuft, der Ton ist aus. Untertitel ziehen weiß über den Bildschirm und Herberts Augen folgen ihnen, Zeile für Zeile.
An der Wand hängen zwei gerahmte Fotografien dicht nebeneinander. Links seine Frau Gertrud, rechts Ingrid, die Nachbarin aus dem zweiten Stock. Beide lächeln. Beide sind tot. Auf dem Couchtisch liegt eine Häkeldecke, eine Lupe, eine Fernsehzeitschrift. Alles an seinem Platz, alles still.
Herbert sieht es am Licht. Die kleine Lampe über der Gegensprechanlage im Flur flackert auf. Sein Blick wandert dorthin, kurz, prüfend. Dann stemmt er sich aus dem Sessel, langsam, Wirbel für Wirbel.
Im Türrahmen steht eine Frau, Anfang 40. Schmales Gesicht, dunkler Mantel, die Hände um den Riemen ihrer Tasche geklammert. Marlene, Ingrids Tochter.
Herbert
Marlene? Na, das ist aber eine Überraschung.
Marlene
Hallo Herbert. Entschuldige, dass ich einfach so klingele. Ich war, ich war in der Gegend und da dachte ich Ich hätte vorher anrufen sollen.
Herbert
Ach was. Komm rein, komm rein. Ist doch schön, dass du da bist.
Erzähler
Der Flur ist schmal, die Garderobe überladen. Marlenes Blick streift die Wand und bleibt hängen. Das Foto. Ihre Mutter, jünger, lachend, im Sommer irgendwo. Daneben Gertrud, Herberts Frau. Die beiden Frauen Arm in Arm.
Marlene
Das Foto, das hing schon immer hier, oder?
Herbert
Ja, '78 war das. Ostsee. Deine Mutter und meine Gertrud, die waren da kaum auseinanderzubekommen.
Marlene
Mama hat davon erzählt. Immer wieder.
Herbert
Setz dich doch. Ich mach uns einen Tee, ja? Kamille?
Marlene
Nein, danke, Herbert. Ich bleibe nicht lange. Ich wollte nur Ich muss dich etwas fragen.
Erzähler
Herbert sieht sie an. Er wartet, bis sie den Satz beendet hat, sein Blick auf ihren Lippen. Dann nickt er langsam und deutet zum Wohnzimmer.
Sie setzen sich. Herbert in seinen Sessel, Marlene auf das Sofa gegenüber, ganz auf der Kante, als könnte sie jederzeit wieder aufspringen. Zwischen ihnen der Couchtisch mit der Häkeldecke. Die Wanduhr tickt.
Herbert
Na, wie geht es dir, Marlene? Man sieht sich ja gar nicht mehr.
Marlene
Gut. Also, es geht. Die Arbeit, du weißt ja. Viel zu tun im Verlag gerade.
Herbert
Bücher ist ein guter Beruf. Deine Mutter war immer stolz darauf.
Marlene
Ja, das hat sie gesagt.
Erzähler
Stille. Nur die Uhr. Marlene dreht den Riemen ihrer Tasche zwischen den Fingern. Wieder und wieder. Herbert beobachtet ihre Hände, wartet. Er hat Zeit. Er hat nichts als Zeit.
Marlene
Herbert, ich
Es gibt da etwas, das ich seit zwei Jahren mit mir herumtrage. Das klingt jetzt vielleicht seltsam, dass ich damit ausgerechnet zu dir komme, aber ich wusste nicht, wen ich sonst fragen soll.
Herbert
Dann frag.
Erzähler
Marlene greift in ihre Tasche. Ihre Finger zittern. Sie zieht ein Smartphone hervor und legt es auf den Couchtisch. Vorsichtig, als wäre es aus Glas.
Marlene
Am Tag, als Mama gestorben ist, hat sie mir eine Sprachnachricht geschickt. Morgens um halb acht. Ich war in einer Konferenz. Ich habe es erst abends gesehen. Da war sie schon
Herbert
Ich weiß.
Ich erinnere mich an den Tag.
Marlene
Die Nachricht ist 47 Sekunden lang. Ich habe die ersten Sätze gehört. Dann Ich, ich konnte nicht weiter. Ich habe aufgehört und seitdem habe ich sie nicht mehr angerührt.
Erzähler
Herbert beugt sich leicht vor. Seine Augen sind auf Marlenes Mund gerichtet, konzentriert, aufmerksam, als würde er jedes Wort zweimal lesen, bevor er es versteht.
Marlene
Ich war nicht da, Herbert. Als Mama gestorben ist, war ich nicht da. Ich war in einem Büro in Charlottenburg und habe über Druckfahnen gestritten und sie hat mich angerufen und ich bin nicht rangegangen.
Herbert
Marlene,
deine Mutter hat das verstanden.
Marlene
Aber was, wenn nicht? Was, wenn die Nachricht Was, wenn sie mir am Ende etwas vorwirft? Was, wenn die letzten Worte meiner Mutter ein Vorwurf sind und ich das dann für immer weiß?
Erzähler
Die Kälte, die Marlene aus dem Treppenhaus mitgebracht hat, scheint mit einem Mal zu weichen. Die Wohnung umschließt sie, warm und schwer, wie eine Hand, die sich um ihre Schulter legt. Herbert schweigt. Er hat ihren letzten Satz gelesen. Jedes Wort.
Marlene
Würdest du sie dir anhören, Herbert? Einfach nur anhören bis zum Ende und mir sagen, was sie sagt. Das ist alles. Nur sagen, was am Ende kommt.
Erzähler
Herbert lehnt sich zurück. Sein Blick wandert zum Foto an der Wand. Ingrid. Ihr Lächeln. Er kennt es auswendig. Er sieht es jeden Tag.
Herbert
Gib mir das Telefon.
Ich höre es mir an.
Marlene
Danke. Ich Danke, Herbert.
Erzähler
Marlene nimmt das Smartphone, wischt mit dem Daumen über den Bildschirm. Ihre Hände zittern so stark, dass sie zweimal ansetzen muss. Dann reicht sie es Herbert.
Marlene
Du musst nur auf den kleinen Pfeil drücken. Links unten.
Herbert
Ja, hab ich.
Erzähler
Herbert führt das Telefon an sein rechtes Ohr. Er schließt die Augen.
Sein Gesicht wird ganz ruhig, ganz weich, so als hätte jemand eine Last von seinen Zügen genommen.
Er atmet langsam. Er wartet.
Marlene sitzt auf dem Sofa, die Hände ineinander verkrallt. Sie beobachtet sein Gesicht, sucht nach einem Zeichen, einem Zucken, einem Stirnrunzeln. Aber Herbert ist still. Sein Atem geht gleichmäßig. Die Wanduhr tickt.
47 Sekunden. So lang wie ein tiefer Atemzug.
So lang wie ein Abschied, der nicht weiß, dass er einer ist. Marlene zählt nicht mit, aber ihr Körper zählt. Jeder Muskel gespannt, der Geschmack von Salz auf ihren Lippen.
Herbert öffnet die Augen. Langsam, wie jemand, der aus einem vertrauten Traum erwacht. Er senkt das Telefon, legt es behutsam auf die Häkeldecke. Dann sieht er Marlene an.
Marlene
Was? Was sagt sie?
Herbert
Deine Mutter sagt, dass sie am Fenster sitzt. Morgens, bei den ersten Vögeln. Sie erzählt von dem Licht über den Dächern. Weißt du? So wie sie das immer gemacht hat.
Marlene
Am Fenster. Ja, Mama hat immer am Fenster gesessen.
Herbert
Sie sagt, sie denkt an dich, dass du viel zu tun hast und dass das gut ist, weil du eine tüchtige Frau bist. So hat sie das gesagt. Eine tüchtige Frau.
Marlene
Und,
und am Ende? Was sagt sie am Ende, Herbert?
Herbert
Am Ende sagt sie, du sollst nicht traurig sein. Sie sagt, dass sie weiß, dass du nicht immer kommen konntest und dass das nichts macht.
Marlene
Sie macht mir keine Vorwürfe?
Herbert
Nein, Marlene. Kein einziges böses Wort. Nur Liebe. Sie sagt: „Sei nicht traurig, Kind. So endet es. „Sei nicht traurig, Kind.
Marlene
Danke. Oh Gott, Herbert. Danke. Zwei Jahre. Zwei Jahre habe ich mich nicht getraut.
Erzähler
Marlene presst die Hände vor das Gesicht. Ihre Schultern beben. Herbert streckt die Hand aus und legt sie auf ihren Unterarm. Seine Finger sind kühl und trocken, aber der Griff ist fest.
Herbert
Deine Mutter hat dich geliebt, mehr als alles andere auf der Welt. Das war immer so. Daran hat sich nie etwas geändert.
Marlene
Ich weiß. Ich glaube, ich wusste es, aber ich musste es hören von jemandem, der sie kannte.
Herbert
Ich hab sie gekannt. 40 Jahre. Ich kannte sie gut.
Erzähler
Einen Moment sitzen sie so. Herberts Hand auf ihrem Arm. Die Uhr tickt. Der Fernseher flimmert stumm.
Dann richtet sich Marlene auf, wischt sich die Augen und atmet tief durch.
Marlene
Ich komme dich mal wieder besuchen, Herbert. Richtig besuchen, mit Kuchen und allem.
Herbert
Streuselkuchen. Den hat deine Mutter auch immer mitgebracht. Dienstags.
Marlene
Dienstags? Mama kam dienstags zu dir?
Herbert
Ja,
immer dienstags. 40 Jahre lang.
Marlene
Das wusste ich gar nicht. 40 Jahre.
Pass auf dich auf, Herbert. Und danke. Wirklich.
Herbert
Komm gut nach Hause, Marlene, und mach dir keine Sorgen mehr.
Erzähler
Die Tür fällt ins Schloss. Herbert steht im Flur, allein. Seine Hand liegt noch auf der Türklinke, als müsste er sich festhalten.
Er geht zurück zum Sessel. Langsam. Wirbel für Wirbel lässt er sich hineinsinken. Das Smartphone liegt noch auf dem Couchtisch, auf der Häkeldecke, genau dort, wo er es abgelegt hat.
Herbert Krauss sieht den Fernseher an. Die Untertitel laufen weiter, weiß auf schwarz, Zeile für Zeile. Er liest sie nicht. Er sieht an ihnen vorbei zum Foto an der Wand. Ingrid.
Was Marlene nicht weiß, was niemand in diesem Haus weiß, was Herbert seit vier Jahren vor allen verbirgt
Herbert ist taub. Seit vier Jahren vollständig taub. Er hat keinen Ton gehört. Nicht Marlenes Stimme an der Tür, nicht das Ticken der Wanduhr und nicht ein einziges Wort von Ingrids Nachricht.
Er liest Lippen. Seit vier Jahren. Jede Bewegung, jede Geste, jedes Zucken eines Mundwinkels. So meisterhaft, dass niemand es je bemerkt hat. Das leicht erhöhte Sprechen, das Warten, bis der andere den Satz beendet. Der Blick, der nie von den Augen des Gegenübers weicht. Kleine Zeichen, die man für Höflichkeit hält.
47 Sekunden hat er das Telefon an sein Ohr gehalten. 47 Sekunden die Augen geschlossen.
Er hat nichts gehört. Nicht den Atem, nicht die Worte, nicht den Namen am Ende.
Aber er wusste, was Ingrid sagt.
Weil die Nachricht von ihm handelt. Weil Ingrid in dieser Nachricht über ihn spricht. Über eine Nähe, die 40 Jahre gewährt hat. Leise und verstetigt wie das Ticken einer Uhr. Jeden Dienstag. Ohne ein Wort zu viel, ohne ein Wort zu wenig. Er hat die Worte nicht gehört. Er hat sie gekannt.
Herbert sieht auf das Smartphone. Er nimmt es in die Hand. Sein Daumen streicht über den Bildschirm, langsam wie über ein Gesicht. Dann legt er es an sein Ohr. Noch einmal, die Augen geschlossen. Er hört nichts. Er lächelt.
Und jetzt, zum ersten Mal, hören wir, was auf dieser Nachricht ist. 47 Sekunden. Alles, was bleibt.
Ingrid
Marlene, ich bin's, Mama. Ich wollte nur deine Stimme hören, aber du gehst ja nie ran. Ist schon gut. Du hast zu tun.
Ich sitze am Fenster. Die Vögel sind heute früh dran. Herbert hat mir vorhin Birnen gebracht, vom Markt, die gelben. Du weißt schon. Er klingelt jeden Dienstag. Seit 40 Jahren klingelt er jeden Dienstag.
Weißt du, Marlene, es gibt Menschen, die sagen nie, was sie fühlen. Aber sie bringen dir Birnen. Jeden Dienstag. Und du verstehst ohne ein Wort.
Sei nicht traurig, Kind. Wenn du mal Zeit hast, ruf mich an. Und wenn nicht, ist das auch gut.
Herbert. Herbert, du alter Sturkopf. Pass auf mein Mädchen auf.
Erzähler
Die Wanduhr tickt, der Fernseher flimmert. Herbert sitzt im Sessel, das Telefon noch am Ohr, die Augen geschlossen. Er hört nichts. Nicht die Uhr, nicht die Stadt. Nicht Ingrids Stimme, die seinen Namen sagt wie ein Versprechen, das man über 40 Jahre hält, ohne es je auszusprechen.
Aber er lächelt. Denn manche Dinge muss man nicht hören, um sie zu wissen. Manche Dinge hat man so oft gelebt, dass sie einem gehören. Wie ein Dienstag, wie gelbe Birnen vom Markt, wie ein Name, zweimal gesagt, leise, am Ende einer Nachricht, die niemand zu Ende gehört hat.
47 Sekunden.
So lang wie ein tiefer Atemzug. So lang wie ein Leben, das sich nicht erklären muss.