Abschrift · Drama

Die gute Hand

Anna besucht einen sterbenden Mann, dessen Nähe sie sich nie wieder zumuten wollte. In einem stillen Zimmer reicht eine Hand, um alte Gewalt zurückzuholen.

Karl

Anna.

Du bist gekommen.

Ich dachte nicht, dass du.

Komm,

setz dich.

Da, der Stuhl.

Du siehst gut aus. Wirklich.

Besser als ich.

Aber das ist ja gerade nicht so schwer.

Die Vorhänge sind zu.

Ich habe die Schwester gebeten, das Licht tut weh.

Überall.

Sogar das Licht tut jetzt weh.

Anna, ich,

ich weiß, dass das hier nicht einfach ist. Für dich,

für mich,

für niemanden.

Aber ich muss dir etwas sagen,

bevor es zu spät ist.

Es tut mir leid.

Das musste ich einmal sagen.

Einmal im Leben

musste ich das laut sagen.

Es tut mir leid,

was ich getan habe,

was ich,

was zwischen uns war.

Bitte, Anna,

sag etwas.

Irgendetwas.

Ich höre dich atmen.

Also bist du noch da.

Bitte,

ein Wort.

Ich weiß, dass ich kein Recht habe zu bitten.

Ich weiß das.

Aber ich sterbe.

In ein paar Tagen ist es vorbei

und ich kann nicht gehen mit,

mit diesem Gewicht.

Anna

Dem Gewicht.

Karl

Anna, du--

Anna

Du nennst es Gewicht.

Karl

Ich, ja.

So fühlt es sich an.

Wie ein Stein auf der Brust.

Seit Jahren.

Anna

Der Arzt hat gesagt, vielleicht noch zwei Tage.

Karl

Ja,

vielleicht weniger.

Anna

Zwei Tage. Du hattest fünfundzwanzig Jahre, Karl.

Fünfundzwanzig Jahre hättest du es sagen können. Und du wartest, bis du nicht mehr aufstehen kannst. Bis ich nicht mehr Angst haben muss, wenn ich zur Tür reinkomme.

Karl

Das ist,

das ist nicht fair. Ich habe versucht.

Anna

Sei still.

Du hast mich hergebeten, damit du dein Gewissen erleichtern kannst. Damit jemand deine Entschuldigung annimmt und du friedlich einschlafen kannst mit dem"Es tut mir leid"wie ein frisches Laken über allem, was darunter liegt.

Das bekommst du nicht, Karl,

aber ich gebe dir etwas anderes.

Ich gebe dir die Wahrheit, alle fünfundzwanzig Jahre davon und du wirst zuhören, denn weglaufen kannst du ja nicht mehr.

Karl

Anna.

Anna

Das erste Mal war ein Donnerstag, November.

Lukas war drei Monate alt.

Er hatte die ganze Nacht geschrien und ich hatte seit zwei Tagen nicht geschlafen. Du kamst von der Kneipe.

Ich habe deine Schritte auf der Treppe gehört. Langsam, schwer. Du hast den Schlüssel dreimal ins Schloss gesteckt, bevor er gepasst hat.

Du hast gesagt, ich soll das Kind ruhig kriegen. Ich habe gesagt, ich versuche es doch.

Und dann bist du aufgestanden, ganz langsam. Und du hast mir mit der Rückhand ins Gesicht geschlagen. So fest, dass ich gegen den Türrahmen gefallen bin.

Lukas lag auf meinem Arm. Er hätte runterfallen können.

Und dann hast du Lukas genommen, ganz sanft, mit derselben Hand.

Und er hat aufgehört zu schreien.

Und du hast mich angeschaut, als wäre es meine Schuld, dass ich das nicht hinbekommen habe.

Und dann hast du gesagt:

Karl

Das, das war einmal.

Und ich hatte getrunken.

Anna

Einmal?

Karl

Am Anfang.

Am Anfang

war es einmal.

Anna

Weißt du, was mich an dir am meisten fasziniert, Karl?

Dass du es selbst glaubst.

Dass du hier liegst nach fünfundzwanzig Jahren und immer noch denkst, es war einmal oder zweimal oder ein paarmal. Schlechte Phase, zu viel Stress, zu viel getrunken. So redest du dir das zurecht, oder?

Karl

Ich sage ja nicht, dass es richtig war.

Ich sage nur-

Anna

Hundertdreiunddreißig.

Karl

Was?

Anna

Hundertdreiunddreißig Mal, Karl. Ich hatte ein Heft, ganz hinten im Kleiderschrank unter den Wintersachen, wo du nie hingeschaut hast. Und jedes Mal habe ich einen Strich gemacht. Wie ein Gefangener, der die Tage an der Wand zählt.

Und daneben habe ich geschrieben, was du getan hast. Nicht viel, nur ein Wort. Gesicht, Bauch, Hals, Rücken. Manchmal zwei Wörter. Kühlschranktür, Badezimmerboden,

Treppengeländer.

Karl

Du hast ein Heft geführt?

Anna

Nicht für die Polizei, nicht für einen Anwalt.

Sondern weil ich Angst hatte, mir selbst nicht mehr zu glauben.

Weil du am nächsten Morgen so normal warst, so sanft, so liebevoll,

dass ich dachte, ich bilde mir das ein, dass ich verrückt werde.

Dass es nicht so schlimm war, wie ich mich erinnere.

Also habe ich geschrieben:

Datum. Ein Wort.

Manchmal mit Blut auf den Fingern, weil die Lippe noch offen war,

damit ich es am nächsten Morgen lesen kann, wenn du mir das Frühstück machst und ich wieder anfange zu zweifeln.

Karl

Du, du stellst das jetzt so dar, als wäre ich ein--

ich war kein Monster, Anna.

Ich war ein Mann, der manchmal die Kontrolle verloren hat.

Anna

Die Kontrolle verloren.

Wenn du die Kontrolle verloren hättest, Karl, dann hättest du auch mal deinen Chef geschlagen oder den Nachbarn, der seinen Müll vor unsere Tür gestellt hat. Oder den Schiedsrichter beim Fußball, über den du dich jede Woche aufgeregt hast.

Aber du hast nie jemanden geschlagen, der stärker war als du. Nie jemanden, der es weitererzählen könnte. Nie vor Zeugen.

Nur mich, Karl. Immer nur mich. Hinter verschlossenen Türen.

Das ist kein Kontrollverlust. Das ist eine Entscheidung.

Karl

Ich sterbe hier, Anna.

Ich liege hier und kann mich nicht bewegen und du kommst mit deinen Strichlisten und deinen--

verzeih mir,

das war--

das wollte ich nicht.

Anna

Da.

Karl

Was?

Anna

Gerade eben. Hast du das gehört?

Diesen Ton?

Dieses gereizte, scharfe, nur für eine Sekunde, bevor du dich wieder gefangen hast. Das ist es. Genau das. So hat es immer angefangen. Dieser Ton, diese eine Sekunde, in der die Maske rutscht. Ich habe diesen Ton tausendmal gehört, Karl. Und jedes Mal wusste ich, was als Nächstes kommt.

Nur dass du jetzt zu schwach bist, um aufzustehen.

Karl

Das ist nicht wahr.

Ich bin nicht mehr--

ich bin nicht mehr der Mensch.

Anna

Du bist genau derselbe Mensch. Du bist nur zu schwach geworden für die zweite Hälfte.

Soll ich dir von den Donnerstagen erzählen?

Donnerstags war Stammtisch. Das wusste ich. Das wusste jede Frau in der Straße.

Und ich habe gelernt, deine Schritte auf der Treppe zu lesen.

Wenn die Schritte schnell waren, warst du nur betrunken. Dann kamst du rein, hast den Fernseher angemacht und bist eingeschlafen.

Ein guter Donnerstag, so nannte ich das. Ein guter Donnerstag.

Dass ein Abend, an dem mein Mann nur betrunken einschläft, ein guter Abend war.

Aber wenn die Schritte langsam waren.

Langsame Schritte hießen, du hattest nachgedacht über den Chef, das Geld, das Leben.

Und dann war ich schuld. Für alles. Für das Essen, das kalt war. Für das Hemd, das nicht gebügelt war. Für die Tatsache, dass ich existiere und nicht so bin, wie du es dir vorgestellt hast. An den langsamen Donnerstagen habe ich Lukas zu Frau Berger nach oben gebracht, bevor du die Haustür aufgemacht hast.

Ich habe gelächelt und gesagt:"Ich brauche eine Stunde für mich.

Frau Berger hat genickt. Sie wusste es. Natürlich wusste sie es. Die Wände waren dünn.

Aber solange ich gelächelt habe, musste sie nichts tun.

Und ich habe immer gelächelt. Immer, Karl.

Soll ich dir sagen, was an einem langsamen Donnerstag passiert ist? Im Detail?

Was du wahrscheinlich vergessen hast, weil es für dich ein Abend unter vielen war.

Karl

Anna, ich weiß, was ich getan habe.

Du musst nicht.

Anna

Du weißt es nicht.

Du weißt, was du getan hast.

Du weißt nicht, was ich erlebt habe. Das ist nicht dasselbe.

März '99. Lukas war fünf.

Du warst wütend, weil ich deiner Mutter am Telefon gesagt hatte, dass wir Ostern nicht kommen. Du wolltest zu deiner Mutter

und ich hatte Nein gesagt.

Du hast mich in der Küche an den Haaren gepackt und meinen Kopf gegen die Kühlschranktür geschlagen. Dreimal.

Den Griff habe ich heute noch im Rücken, Karl. Dreiundzwanzig Jahre nach der Scheidung.

Der Orthopäde hat nach der Narbe gefragt. Ich habe gesagt, ein Unfall im Haushalt und er hat genickt, wie alle.

Aber das war nicht das Schlimmste an diesem Abend.

Das Schlimmste war, dass ich auf dem Küchenboden gelegen habe und nicht aufstehen konnte.

Zwanzig Minuten, vielleicht dreißig. Die Fliesen waren so kalt und mir war schwindelig und ich habe versucht, leise zu sein, weil Lukas im Zimmer nebenan war.

Und ich habe gespürt, dass meine Hose nass geworden ist, weil ich mir vor Angst in die Hose gemacht habe, Karl. Auf dem Küchenboden wie ein Tier.

Und das Erste, was ich getan habe, als ich wieder stehen konnte, war nicht zum Arzt gehen, nicht die Polizei rufen, nicht schreien.

Ich habe die Hose in die Waschmaschine gesteckt und den Boden gewischt, damit du es nicht siehst. Damit du nicht noch einen Grund hast.

Das ist die Wahrheit, Karl. Nicht dein Gewicht. Meine nasse Hose auf dem Küchenboden.

Karl

Es tut mir leid.

Es tut mir so leid.

Anna

Hör auf zu weinen. Du hast damals auch geweint. Jedes Mal danach hast du geweint.

Und dann kam die Hand.

Dieselbe Hand, Karl. Die rechte.

Die, die gerade eben geschlagen hat. Die hat mir dann die Haare aus dem Gesicht gestrichen und die Tränen von der Wange gewischt. Und du hast gesagt.

Karl

Es wird nicht wieder passieren.

Anna

Ja.

Und du hast sie die gute Hand genannt. Erinnerst du dich? Sonntagmorgens, Frühstück. Du hast Brötchen geholt und Kaffee gemacht und deine rechte Hand auf meine gelegt und gesagt:"Schau, die gute Hand. Die gute Hand macht alles wieder gut.

Und ich saß da mit einer Sonnenbrille in November, weil mein Auge so zugeschwollen war, dass ich es nicht öffnen konnte

und habe nur rechts gekaut, weil der Kiefer links zu sehr wehtat. Und du hast mir ein Marmeladenbrötchen hingeschoben mit der guten Hand.

Und gelächelt.

Karl

Glaubst du, mir ging es gut dabei?

Glaubst du, ich wollte so sein?

Ich habe mich gehasst dafür, Anna. Jedes Mal.

Anna

Du hast dich gehasst.

Weißt du, was ich in der Nacht nach der Kühlschranktür gemacht habe,

als du geschlafen hast?

Ich bin im Badezimmer gesessen auf dem kalten Boden und habe überlegt, wie viele Schlaftabletten im Schrank sind und ob es reichen würde.

Und ob Lukas am nächsten Morgen mich oder dich zuerst findet.

Wegen Lukas habe ich es nicht getan. Nicht deinetwegen.

Lukas.

Also erzähl mir nicht, dass du dich gehasst hast, Karl.

Du hast dich gehasst und am nächsten Morgen Brötchen geholt.

Ich habe mich gehasst und überlegt, ob ich meinem fünfjährigen Sohn eine tote Mutter hinterlasse.

Das ist nicht dasselbe.

Karl

Das--

davon wusste ich nichts.

Anna

Natürlich nicht. Du hast geschlafen. Du hast immer geschlafen, Karl. Wie ein Baby. Jede Nacht.

Während ich auf dem Badezimmerboden gesessen und Tabletten gezählt habe.

Und am nächsten Morgen hast du dich gestreckt und gegähnt und gefragt, ob noch Kaffee da ist. Und ich habe gesagt:"Ja, frisch aufgesetzt. Und du hast gelächelt und die Welt war in Ordnung.

Deine Welt.

Und dann Lukas.

Karl

Ich habe Lukas nie angerührt.

Nie.

Das musst du-

Anna

Nie angerührt.

Nein, du hast ihn nur jede Woche zuhören lassen. Die Wände waren dünn, Karl und Lukas war nicht dumm.

Mit sechs hat er angefangen, sich die Ohren zuzuhalten, wenn du nach Hause gekommen bist. Einfach so, mitten beim Spielen. Die Haustür geht auf und die Hände gehen an die Ohren.

Mit acht hat er angefangen, donnerstags bei Freunden zu übernachten. Jede Woche.

Und niemand hat gefragt, warum ein achtjähriger Junge donnerstags nie zu Hause schlafen will. Nicht die Lehrer, nicht die anderen Eltern. Niemand.

Mit zehn hat er einmal versucht, sich zwischen uns zu stellen. Erinnerst du dich? Er stand plötzlich im Flur im Schlafanzug und hat geschrien: „Du sollst Mama in Ruhe lassen. Und du hast ihn angeschaut,

nur angeschaut.

Und er ist zurück in sein Zimmer gegangen, weil er in deinen Augen gesehen hat, was ich jeden Donnerstag gesehen habe.

Karl

Ich habe ihn nie geschlagen.

Nie.

Das schwöre ich.

Anna

Nein, du hast nur seine Mutter geschlagen. Vor seinen Ohren.

Das ist dein Erbe, Karl.

Lukas ist jetzt vierunddreißig. Er lebt in Hamburg. Er hat eine Freundin. Er ist ein guter Mensch.

Aber weißt du, was er mir letztes Jahr erzählt hat?

Dass er manchmal nachts aufwacht, weil er im Traum deine Schritte auf der Treppe hört.

Mit vierunddreißig.

Und dass er einmal, ein einziges Mal, bei einem Streit mit seiner Freundin die Faust geballt hat. Nur für eine Sekunde.

Und dann hat er seine eigene Hand angeschaut und sich übergeben.

Im Badezimmer auf den Knien hat er sich übergeben, weil er für eine Sekunde du war.

Er sitzt nicht an deinem Bett, falls du dich das fragst.

Karl

Ich wollte doch nur.

Ich wollte eine Familie.

Ich wollte, dass alles gut ist.

Ich konnte nur nicht.

Anna

Du konntest nur nicht aufhören, deine Frau zu schlagen.

Karl

Es war nicht nur.

Es waren doch nicht nur Schläge.

Es gab auch gute Zeiten.

Wir hatten auch gute Zeiten, Anna.

Der Urlaub an der Ostsee, Lukas Einschulung,

Weihnachten.

Anna

Weihnachten.

Du meinst das Weihnachten, an dem ich den Baum mit gebrochenem Handgelenk geschmückt habe, weil du zwei Tage vorher meine Hand gegen die Tischkante gedrückt hast, bis es geknackt hat?

Ich habe das Lametta mit links aufgehängt. Lukas hat geholfen. Er war sieben. Er hat gefragt, warum Mama die andere Hand nicht benutzt. Und ich habe gesagt, Mama hat sich gestoßen. Und er hat mich angeschaut, Karl. Mit sieben Jahren hat er mich angeschaut, als wüsste er, dass ich lüge und trotzdem nichts gesagt. Das war dein Weihnachten, Karl. Deine guten Zeiten.

Und der Urlaub an der Ostsee. Da war ich so dankbar, Karl. Weißt du warum?

Nicht wegen des Meeres, nicht wegen der Sonne.

Weil es kein Donnerstag war.

Eine ganze Woche lang kein Donnerstag, kein Standtisch, kein Bier, kein Treppensteigen.

Ich konnte schlafen. Zum ersten Mal seit Wochen konnte ich einschlafen, ohne auf Schritte zu lauschen.

Das war der schönste Urlaub meines Lebens. Nicht wegen dir, sondern weil du eine Woche lang nicht du warst.

Karl

Du siehst nur das Schlechte.

Ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe.

Schlimme Fehler.

Aber es gab doch auch-

Anna

Fehler?

Ein Fehler ist, wenn man den falschen Zug nimmt oder ein Glas umstößt. Hundertdreiunddreißig Mal deiner Frau ins Gesicht zu schlagen, ist kein Fehler, Karl. Das ist ein System.

Und alle haben zugesehen. Dein System hat funktioniert, weil alle mitgespielt haben.

Deine Mutter,

die hat einmal meine blauen Flecken am Arm gesehen, im Sommer, als ich vergessen hatte, lange Ärmel anzuziehen. Und weißt du, was sie gesagt hat?

Jede Ehe hat schwere Phasen, Kindchen. Man muss zusammenhalten. Zusammenhalten. Ihre Schwiegertochter steht mit Hämatomen in ihrer Küche und sie sagt: „Zusammenhalten.

Der Hausarzt, Doktor Weber.

Bei dem war ich in elf Jahren viermal mit gebrochenen Knochen. Handgelenk, zwei Rippen, Nasenbein. Jedes Mal gestürzt. Jedes Mal die Treppe, der Garten, das Fahrrad.

Und er hat es aufgeschrieben und nichts gesagt.

Die Nachbarn,

die haben gehört, wie ich geschrien habe,

durch die Wände.

Und am nächsten Morgen im Treppenhaus haben sie gegrüßt und über das Wetter geredet.

Und ich habe gelächelt und über das Wetter geredet. Und sie haben gelächelt und sich umgedreht und ihre Türen geschlossen.

Das ist Gewalt, Karl. Nicht nur deine Hand. Das ganze Schweigen drumherum.

Karl

Ich kann das nicht mehr hören.

Bitte.

Ich kann nicht mehr.

Anna

Du kannst es nicht mehr hören.

Ich konnte nicht weg.

Elf Jahre lang konnte ich nicht weg.

Und jetzt kannst du nicht weg und du bittest mich aufzuhören?

Ich habe dich auch gebeten aufzuhören. Jedes Mal."Karl, bitte. Karl, hör auf.

Karl, es tut weh.

Hast du aufgehört?

Dann hast du mir die Luft abgedrückt, die Hand am Hals. Wenn du richtig betrunken warst, wenn du richtig wütend warst, hast du zugedrückt. Nicht lange, nur bis ich still war.

Weißt du, wie das ist, wenn jemand dir die Luft nimmt?

Man kämpft nicht. Man wird ganz still, ganz ruhig,

weil der Körper lernt, dass Gegenwehr es schlimmer macht.

Also lässt man es geschehen und wartet, bis die Hand locker lässt und hofft, dass sie es tut.

Und danach hast du geweint.

Und danach kam die gute Hand

und hat mir den Hals gestreichelt, genau da, wo sie gerade noch gedrückt hat. Und du hast gesagt:

Karl

"Es wird nicht wieder passieren.

Anna

Ja, das hast du gesagt. Und ich habe dir geglaubt. Jedes Mal. Nicht, weil ich dumm war, Karl. Sondern weil die Alternative war, dass mein Leben eine Hölle ist, aus der es keinen Ausweg gibt.

Und das konnte ich nicht denken und gleichzeitig morgens aufstehen und Lukas sein Pausenbrot schmieren und lächeln.

Also habe ich geglaubt, weil Glauben die einzige Möglichkeit war, den nächsten Tag zu überleben.

Das war das Schlimmste, was du mir angetan hast, Karl.

Nicht die Schläge,

nicht die Knochen,

nicht der Hals.

Die Morgen danach.

Die verdammten Morgen danach.

Wenn du so sanft warst, wenn der Kaffee so gut gerochen hat, wenn die Sonne reinkam und du mir das Brötchen hingeschoben hast mit der guten Hand und für einen Moment, einen einzigen Moment war alles so warm und so weich. Und ich habe gedacht, vielleicht ist das der echte Karl. Vielleicht war gestern der letzte Donnerstag.

Vielleicht wird jetzt alles--

Diese Hoffnung.

Diese Hoffnung war der Käfig, Karl. Die Schläge waren die Gitter, aber die Hoffnung war das Schloss.

Solange ich gehofft habe, bin ich geblieben. Elf Jahre.

Weil du genau wusstest, wie man das Schloss zudreht. Brötchen, Kaffee, die gute Hand. Es wird nicht wieder passieren.

Und dann bin ich gegangen.

Im Februar 2003.

Lukas war elf. Du warst auf Montage. Ich habe zwei Taschen gepackt, mehr nicht. Zwei Taschen für elf Jahre.

Ich habe das Heft mitgenommen und einen Schal von Lukas und die Papiere. Mehr habe ich nicht gebraucht.

Alles andere war deins. Die Möbel, die Bilder, die Erinnerungen, alles vergiftet.

Und dann die Jahre danach.

Soll ich dir davon erzählen?

Von dem, was danach kommt?

Von dem Teil, den Männer wie du nicht kennen?

Die Albträume.

Jede Nacht, vier Jahre lang, dieselben Albträume. Deine Schritte, deine Hand, dein Gesicht.

Und ich wache auf und bin nass geschwitzt und taste die Seite neben mir ab und sie ist leer. Und ich weiß nicht, ob das Erleichterung ist oder Angst.

Das Zusammenzucken bei jedem lauten Geräusch, bei jeder Hand, die sich zu schnell bewegt,

bei jedem Mann, der die Stimme hebt.

Mein Körper ist immer noch in deiner Küche, Karl, auch wenn mein Kopf längst woanders ist.

Drei Jahre Therapie. Dreimal die Woche auf einem Stuhl sitzen und einer Frau erzählen, was mein Mann mit mir gemacht hat.

Dreimal die Woche die Worte laut sagen, die ich elf Jahre lang geschluckt habe.

Und die Therapeutin hat einmal gesagt:"Frau Brenner, Sie haben überlebt. Und ich habe sie angeschaut und gedacht:"Ja, das habe ich, aber ich weiß nicht, was von mir übrig ist.

Und dann Thomas, ein guter Mensch, ein ruhiger Mensch. Er wollte mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht streichen beim dritten Date. Seine Hand kam von rechts

und ich bin zusammengezuckt, als hätte er mich geschlagen vor allen Leuten im Restaurant.

Und er hat die Hand zurückgezogen und sich entschuldigt. Er hat sich entschuldigt, Karl. Er, der nichts getan hat Und ich stand da und habe gemerkt, dass deine Hand immer noch in meinem Körper steckt.

Fünfzehn Jahre, nachdem du mich das letzte Mal angefasst hast.

Thomas hat es verstanden. Er hat gelernt, sich immer von links zu nähern. Nie die rechte Hand zuerst. Nie schnelle Bewegungen. Und er hat nie gefragt, warum. Er wusste es.

So sieht das aus, Karl. Dein Erbe.

Ein Mann, der gelernt hat, sich seiner Frau von links zu nähern, weil die rechte Seite dir gehört.

Fünfundzwanzig Jahre später gehört sie dir immer noch.

Karl

Was willst du, Anna?

Was soll ich tun?

Sag mir, was ich tun soll.

Anna

Gib mir deine Hand.

Karl

Meine,

meine Hand?

Anna

Die rechte.

Karl

Anna,

was machst du?

Anna

Sei still.

Karl

Nein.

Nein, Anna.

Nimm sie weg.

Bitte.

Anna

Spürst du das?

Meinen Puls?

Karl

Ja.

Anna

Ruhig.

Gleichmäßig.

Zum ersten Mal seit fünfundzwanzig Jahren liegt deine Hand an meinem Hals und mein Puls ist ruhig.

Weißt du, warum?

Weil du nicht mehr zudrücken kannst.

Karl

Ich war doch nicht nur das.

Ich war doch nicht nur--

ich war doch auch die gute Hand,

oder?

Anna

Nein, Karl.

Du warst die Hand, die zugedrückt hat und jetzt drückst du nicht mehr.

Aber ich spüre dich immer noch.

Karl

Bitte,

geh nicht.

Bitte geh nicht so.

Anna

Doch, Karl.

Genau so gehe ich.

Karl

Bitte.

Anna

Jetzt bist du derjenige, der keine Luft mehr bekommt.

Karl

Die gute Hand.

Die gute-