Drama
47 Sekunden
Mit Marlene, Herbert Krauss und Ingrid
Die Sprachnachricht ist 47 Sekunden lang, und Marlene kennt nur ihre ersten Sätze. Ihre Mutter Ingrid hat sie ihr an ihrem letzten Morgen geschickt, um 7:30 Uhr, als Marlene in einem Büro in Charlottenburg über Druckfahnen stritt. Sie sah die Nachricht erst am Abend. Seit 2 Jahren hat sie sie nicht angerührt, aus Angst, dass am Ende ein Vorwurf steht.
An einem Dienstagabend klingelt sie bei Herbert Krauss, dem Nachbarn ihrer Mutter. Er ist Witwer und kannte Ingrid 40 Jahre. Seine Wohnung riecht nach Bohnerwachs und altem Holz, in der Schrankwand stehen Porzellanfiguren, die niemand mehr abstaubt. Im Flur hängt ein Foto von 1978: Ingrid und Herberts Frau Gertrud an der Ostsee, Arm in Arm. Herbert bietet Kamillentee an. Marlene setzt sich auf die Sofakante, als wolle sie gleich wieder gehen.
Dann legt sie das Telefon auf die Häkeldecke zwischen ihnen und bittet Herbert um etwas, das sie selbst nicht schafft: die Nachricht bis zum Ende anzuhören und ihr zu sagen, was ihre Mutter zuletzt gesagt hat. Herbert hält das Telefon ans Ohr und schließt die Augen. Die Wanduhr tickt.
Im Mittelpunkt steht die Angst vor den letzten Worten eines geliebten Menschen und das Schuldgefühl, an jenem Morgen nicht zugehört zu haben.







































