Atemnah
Folge 9

Im Takt der Schienen

Ein Schlafwagenabteil, eine lange Nacht, Regen am Fenster, und zwei Stimmen, die sich zwischen zwei Bahnhöfen hoffnungslos verlieben.

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8:51

Das letzte Kissen im ganzen Zug hat die Stimme rechts dem Schaffner abgeschwatzt, und jetzt liegt es auf deinem Bett in der Mitte, frisch bezogen von der Stimme links. Draußen regnet es, die Schienen schlagen ihren gleichmäßigen Takt, und bei jeder Kurve rutscht ihr ein kleines Stück näher zusammen.

Die Stimme rechts schreibt etwas in die beschlagene Scheibe: ein Herz, darin nur ein Wort, Du. Er drückt sehr fest, damit es hält. Die Stimme links hat eine Praline mitgebracht und sie die ganze Fahrt in der Hand gewärmt. Jetzt ist sie ein bisschen geschmolzen, aus Liebe, sagt sie. Dann zieht er den Vorhang zu, damit die Nacht draußen bleibt, und legt sich einen Satz zurecht, der nicht gleich sitzt.

Eine Folge über eine lange Nacht im Schlafwagen, über ein warmes Abteil im Regen und über das Verlieben zwischen zwei Bahnhöfen. Am schönsten mit Kopfhörern.

  • Nachtzug
  • Regen
  • Nähe

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Die Stimme rechts hat sich Sätze für dich überlegt, und jetzt sind sie alle weg. Du bist schuld, sagt er. Einen Ort gibt es in dieser Folge nicht, nur die Nähe zwischen den beiden und dich in der Mitte, so nah, dass jedes Wort direkt an dein Ohr kommt.

Die Stimme links würde dir am liebsten jeden Gedanken zeigen, den sie gerade hat, und überlegt es sich dann anders: lieber doch nicht alle. Ihre Schmetterlinge fliegen, behauptet sie, sowieso alle zu dir. Die Stimme rechts war mal vernünftig, ganz kurz, bevor er dich kannte. Jetzt sagt er dir, dass du schön bist, und gleich noch zweimal hinterher. Irgendwann fragt er, ob er ein kleines Stück näher darf.

Eine Folge über Komplimente, die sich überschlagen, über zwei, denen die Wörter ausgehen, aber nicht die Gefühle, und über das Glück, einfach dazwischen zu liegen. Am schönsten mit Kopfhörern.

  • Nähe
  • Flirt
  • Komplimente
10:12

Folge 10

Nur du

Da bist du ja. Endlich“, sagt die Stimme links, und die Stimme rechts gibt zu, dass er auf dich gewartet hat. Mehr Ort braucht diese Folge nicht: Es gibt nur den schmalen Raum zwischen den beiden, und du liegst mittendrin.

Die Stimme rechts wollte eigentlich ganz ruhig bleiben, das hat genau 3 Sekunden gehalten. Später verspricht er, alles für dich zu tun, fast alles, na gut, alles. Er flüstert, sagt er, weil laut zu weit weg von dir wäre. Die Stimme links hört dein Lächeln, behauptet sie, und vergisst deinetwegen, was sie sagen wollte. Dann fragt sie, ob sie dir etwas ganz Leises sagen darf.

Eine Folge über das Flüstern, über zwei, die sich beim Verlieben nicht besonders cool anstellen, und über das Gefühl, ganz gemeint zu sein. Am schönsten mit Kopfhörern.

  • Flüstern
  • Nähe
  • Flirt
9:22

10 Minuten lang will die Stimme rechts etwas im Auge gehabt haben, genau als er dem Mann am Hebel zuzwinkert. Jetzt steht das Riesenrad, ganz oben, rein zufällig. Die Gondel schaukelt leicht, der Wind ist laut, und unter euch liegt die Stadt voller kleiner Lichter. Du sitzt in der Mitte.

Die Stimme links schlägt einen Wettbewerb vor: Wer dich zuerst zum Seufzen bringt, gewinnt, und du bist die Jury. Es folgen Sprüche über Tee, der schon gekocht ist, über Sterne, die eigentlich frei hatten, und einer, der verdächtig nach Postkarte klingt. Die Stimme rechts will dir eine Medaille überreichen und zieht dafür die Handschuhe aus, Finger für Finger. Irgendwann fällt keinem mehr ein Spruch ein.

Eine Folge über einen Stillstand, der nicht ganz zufällig ist, über schlechte Sprüche, die trotzdem wirken, und über den Moment, in dem das Spiel aufhört. Am schönsten mit Kopfhörern.

  • Riesenrad
  • Flirt
  • Nähe
8:06

Die Hand hat dich gerade auf eine winzige Bank gestellt, mitten in eine Schneekugel, zwischen die Stimme links und die Stimme rechts. Draußen liegt ein Wohnzimmer, durch Glas und Wasser klingt es dumpf wie unter einer dicken Decke. Hier drinnen steht eine Tanne, die nicht wächst, sich aber Mühe gibt.

Die Stimme rechts wohnt seit 31 Jahren hier, die Stimme links erst seit 23, und er hält das für einen Rang. Er kennt jede Flocke beim Vornamen, eine heißt Herbert. Der Schneemann hinten guckt beleidigt, seit er beim großen Schütteln von 1998 seine Nase verloren hat. Darüber spricht man nicht. Gleich kommt wieder die Hand, ein Gewitter von unten nach oben, und danach fällt Schnee, der hier drin warm ist.

Eine Folge über eine kleine Welt unter Glas, über Flocken, die ganz langsam fallen, und über das Warten, bis sich alles setzt. Am schönsten mit Kopfhörern.

  • Winter
  • Schneekugel
  • Nähe
8:41

Als die letzten Gäste gegangen sind, sitzt ihr zu dritt auf dem Küchenboden, du in der Mitte, rundherum Konfetti. Der Boden ist kalt, aber die Spülmaschine im Rücken wärmt. Die Stimme rechts hat sie extra dafür angemacht, und die Tassen stehen darin nach Farben.

Dann nehmt ihr den Abend liebevoll auseinander: den Kartoffelsalat nach dem Rezept seiner Oma, den keiner angerührt hat, die Stunde, in der die Stimme links der Katze des Gastgebers ihr Leben erzählt hat, und seinen einzigen Tanz, zu einer Pause zwischen zwei Liedern. Hinter dem Sellerie im Gemüsefach wartet das letzte Stück Kuchen. Und die Stimme links war den ganzen Abend sehr witzig. Jetzt möchte sie etwas sagen, ohne dass jemand lacht.

Eine Folge über das Danach einer Party, über eine warme Spülmaschine im Rücken und über die Menschen, die als Letzte in der Küche bleiben. Am schönsten mit Kopfhörern.

  • Party
  • Küche
  • Nähe
8:17

Die Sternkarte ist im Dunkeln völlig nutzlos, aber sie raschelt schön. Ihr liegt zu dritt am Rand eines Kornfelds, du in der Mitte, und der Boden gibt noch die ganze Wärme des Tages zurück. Es ist die Nacht mit den meisten Sternschnuppen im Jahr.

Die Stimme links hat das Datum seit Wochen im Kalender, mit vier Ausrufezeichen, und ihre Jackentaschen sind voller Kamille. Die Stimme rechts hat die Limonade den ganzen Abend im Bach gekühlt und sagt sonst eher wenig. Die trockenen Ähren klingen wie tausend kleine Rasseln, irgendwo raschelt ein Igel. Und es gibt eine Regel: Wünsche sagt man nie laut. Die Stimme links vergisst das jedes Mal.

Eine Folge über Sternschnuppen, die man nicht planen kann, über warmen Boden in einer Sommernacht und über Wünsche, die man für sich behält. Am schönsten mit Kopfhörern.

  • Sommernacht
  • Sternschnuppen
  • Nähe
8:12

Über dem Wald zuckt ein Blitz, und die Stimme rechts beginnt zu zählen: einundzwanzig, zweiundzwanzig. Das kann er, seit er acht ist, und er sagt es bei jedem Gewitter. Ihr liegt zu dritt auf einem Heuboden, du in der Mitte. Es ist trocken und warm, und der Regen trommelt direkt über euch aufs Dach.

Die Stimme links ist hergerannt, die Stimme rechts ganz gemütlich gegangen, und jetzt ist er nässer als sie. Das Heu piekst ein bisschen und riecht nach dem ganzen Sommer auf einmal. In einer nassen Papiertüte warten Kirschen. Bei Gewitter hat die Stimme links immer Herzklopfen, aber keine Angst, darauf besteht sie. Und weil man bei Gewitter zusammenrückt, gibt es plötzlich eine neue Regel.

Eine Folge über die Sekunden zwischen Blitz und Donner, über Regen auf dem Dach und ein Gewitter, das von innen ganz still ist. Am schönsten mit Kopfhörern.

  • Gewitter
  • Regen
  • Nähe
8:54

Eine Lichtung nach dem Sommerregen. Du liegst auf dem weichsten Moos weit und breit, einer der beiden hat vorher jede Stelle ausprobiert. Überall tropft es noch von den Blättern, es riecht nach Erde, und irgendwo in der Nähe ist ein Bach, den man nur hört, wenn man ganz still ist.

Die Stimme links hat die Schuhe ausgezogen, weil man den Wald sonst nur halb spürt. Die Stimme rechts behält ihre an, aus Respekt vor den Brennnesseln, und hält jeden Vogel für einen Zilpzalp, auch die Krähe. Die beiden haben einen Plan: so still zu werden, dass der Wald vergisst, dass ihr da seid.

Eine Folge über Stille, die man teilen kann, über einen Lieblingsort im Wald und über Heidelbeeren, von denen höchstens ein Drittel fehlt. Am schönsten mit Kopfhörern.

  • Wald
  • Sommerregen
  • Stille
8:26

Stromausfall. Draußen tobt ein Schneesturm, drinnen liegt ihr zu dritt zwischen lauter Kissen auf dem Boden, und du bist in der Mitte. Es gibt genau eine Kerze in der ganzen Wohnung, und sie hat die Form einer Vier.

Die Kerze stammt von einem vierzigsten Geburtstag und hat bisher erst ein einziges Mal gebrannt. Jetzt flackert sie, wenn du ausatmest. Kein Kühlschrank brummt, keine Heizung läuft, zu hören sind nur der Wind am Fenster und das Wachs, das tropft. Im Dunkeln muss man nichts zeigen, man darf einfach da sein, und die beiden Stimmen rücken näher, natürlich nur wegen der Wärme.

Eine Folge über einen Winterabend ohne Strom, über Mut, der im Dunkeln leichter fällt, und über Atem, der sich von selbst angleicht. Am schönsten mit Kopfhörern.

  • Winter
  • Kerzenlicht
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8:15

Eine Bibliothek nach Ladenschluss. Du liegst auf dem dicken Teppich zwischen Philosophie und Gartenbau, links und rechts von dir zwei Stimmen, die flüstern, weil man das hier so macht, auch wenn längst niemand mehr da ist. Den Schlüssel hat einer der beiden geschenkt bekommen, angeblich für ein Buch, das er mit elf Jahren Verspätung zurückgebracht hat.

Es riecht nach Vanille, nach Staub und nach vielen Jahren, und durch die alten Fenster kommt der Regen. In einem Buch steht mit Bleistift ein kleiner Satz am Rand. Die beiden überlegen, was für ein Buch du wärst: eins, bei dem man sich nur ein Kapitel vornimmt, und dann ist es draußen hell. Und irgendwann liegt die Decke aus der Leseecke bei euch, obwohl ein Schild das verbietet.

Eine Folge über Flüstern, Bleistiftnotizen und einen Satz, den du mitnehmen darfst. Am schönsten mit Kopfhörern.

  • Bibliothek
  • Regen
  • Nähe
8:24