Ein Ding und eine Stimme
Folge 4

Die Zahnbürste

Eine Zahnbürste kennt einen Mann nur von innen, hört seine Stimme durch die Zähne und fragt sich, ob man jemanden kennen kann, dessen Lächeln man nie zu sehen bekommt.

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6:14

Eine blaue Zahnbürste, mittelweich, steht mit zwei anderen im Glas über dem Waschbecken. Sie kennt Kilian von innen: achtundzwanzig Zähne, jeden mit Vornamen. Der oben links hinten heißt Wolfgang und ist schwer zu erreichen.

Kilian schafft morgens vierundvierzig Sekunden statt der empfohlenen zwei Minuten, seine Mitbewohnerin elf. Aus Spinatfäden, Popcornhüllen und einem einzelnen Sesamkorn setzt die Zahnbürste seinen Tag zusammen. Und weil Kilian beim Putzen mit dem Spiegel redet, kennt sie die Sätze, die er für seinen Bruder Tobias übt, mit dem er nicht mehr spricht. Sie enden immer genau da, wo sie losgehen müssten.

Eine Folge über die Frage, ob man jemanden kennen kann, dessen Lächeln man nie zu sehen bekommt, über Schweineborsten, Nylon und einen Zweierpack im Schrank.

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Folge 23

Die Ampel

Eine Fußgängerampel an der Ecke Mühlenstraße und Kastanienallee. Sie leuchtet nach beiden Seiten und sieht dabei nichts. Was sie über die Leute weiß, kommt durch den Taster: Der Höfliche drückt einmal, der Ungeduldige fünfmal. Die Anforderung ist übrigens nach dem ersten Mal gespeichert. Das fünfte Mal ist Dekoration.

Ihre Grünzeit ist auf einen Menschen gebaut, der einen Meter pro Sekunde geht, und den hat sie noch nie getroffen. Frau Mrosek erkennt sie am Knöchel, jeden Morgen um zwei Minuten vor sieben, und wenn ein Kind danebensteht, darf es auf den Taster hauen, so oft es will. Die Ampel erzählt von ihrer Vorfahrin, die 1868 mit Gaslampen vor dem Parlament in London stand, und von einem Mann, der nachts um drei an der leeren Straße auf Grün wartet.

Eine Folge über Regeln, auf die sich alle verabredet haben, und über einen Dienstag im Oktober, an dem das Rot nicht mehr aufhört.

  • Straße
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  • Gemeinschaft
7:28

Eine Tupperdose, eineinhalb Liter, oval, Baujahr 1983 und bis heute dicht. Wenn Marlies den Deckel in der Mitte zudrückt, atmet sie aus. Sonntagabend kommt heiße Linsensuppe hinein, und am Montag sitzt der Deckel so fest, dass Marlies ihn mit dem Daumennagel anhebeln muss. Links, immer zuerst die Ecke.

Sechsundzwanzigmal ist die Dose verliehen worden, und sie kommt nie leer zurück: mal mit Zitronenkuchen, mal mit Bohnen, einmal mit einem einzelnen Zimtstern im August. Auf ihrem Boden klebt ein Streifen Kreppband mit Marlies' Namen. Sie erzählt von Tupperpartys, von Earl Tupper und Brownie Wise, von einem Gemeindefest mit vierzig beigen Dosen und von sechs Wochen hinter einem fremden Sofa.

Eine Folge über Nachbarschaft, über einen neuen Mieter im dritten Stock, dessen Herd erst in drei Wochen kommt, und über die Frage, wie oft man eine Dose zurückbringen muss, bis sie wirklich jemandem gehört.

  • Nachbarschaft
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7:49

Ein Radiergummi, ursprünglich sechsundvierzig Millimeter lang, heute einundzwanzig. Er nennt das Dienstalter. Er wohnt im Geigenkasten von Mira, im kleinen Fach neben dem Kolophonium und dem Dämpfer, und kennt die Geigerin nur an ihren Fingerkuppen: kühl in der Probe, ein bisschen feucht vor Konzerten.

Der Dirigent heißt Maestro, solange er im Raum ist, und Gunnar, sobald die Tür zufällt. Am Montag will er einen Einsatz leise, am Dienstag leiser, am Mittwoch mutig. Der Bleistift hat die Meinungen, der Radiergummi die Meinungsänderungen. Pultnachbar Bernd radiert nicht, er scheuert, einmal bis ein Loch im Papier war. Und der Radiergummi erzählt, dass man Bleistift früher mit Brotkrume entfernt hat.

Eine Folge über eine Konzertwoche, über Lampenfieber und über Papier, das weniger vergisst, als man ihm wegnimmt.

  • Orchester
  • Musik
  • Lampenfieber
6:07

Folge 20

Der Kopierer

Der Kopierer im zweiten Stock, Flur links, zwischen Kaffeemaschine und Feuerlöscher. Vierhundertzweiundzwanzigtausend Seiten hat er hergestellt und dabei keine einzige eigene Idee gehabt. Was man ihm aufs Glas legt, sieht er von unten, Zeile für Zeile und seitenverkehrt. Er liest alles und versteht nichts.

Ein Vertrag ist für ihn dichtes Gekrümel mit einem Schnörkel unten, eine Einladung zum Betriebsfest ein Luftballon. Bei der Weihnachtsfeier hat er Herrn Pfaff aus dem Vertrieb für ein neues Formular gehalten. Er erzählt von Chester Carlson, der 1938 aus Verdruss über das Abschreiben die erste Kopie der Welt machte. Und von Frau Petzold aus der Buchhaltung, die jeden ersten Freitag im Monat ihr Streuselkuchenrezept kopiert, immer von der letzten Kopie, inzwischen zum zwölften Mal.

Eine Folge über Originale und Kopien, über ein Staubkorn, das sich in ein Rezept schleicht, und über die Frage, wem ein Blatt gehört, das zwölfmal durch einen Kopierer gegangen ist.

  • Büro
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  • Erinnerung
7:08

Folge 19

Das Fahrrad

Ein Stadtrad, achtundzwanzig Zoll, Zustand nach eigener Einschätzung besorgniserregend. Seit dem Frühjahr hat es einen leichten Achter im Hinterrad, die Kette hat sich gelängt, und die Reifen verlieren jede Woche ein wenig Luft, auch ohne Loch. Das sei völlig normal, heißt es. Das beruhigt es kein bisschen.

Die Welt erfährt es über Sattel, Lenker, Pedale und Reifen: Asphalt flüstert, Kopfsteinpflaster schimpft, Kies redet dazwischen. Merle kennt es vom Sattel aus: montags auf der Spitze, donnerstags tief und gleichmäßig, und freitags nimmt sie auf der langen Geraden die Hände vom Lenker. Es erzählt von seinem Urahn, der Laufmaschine des Karl von Drais aus dem Jahr 1817, erfunden nach einem Sommer, der keiner war, und von einer Taube, die es zuerst für ein sehr leichtes Kind gehalten hat.

Eine Folge über ein Fahrrad, das die meiste Zeit nur steht, und über einen Dienstagabend im Dezember, an dem ihm im Regen die Luft ausgeht.

  • Fahrrad
  • Stadt
  • Pendeln
7:09

Eine Wärmflasche, zwei Liter Fassungsvermögen, davon anderthalb gefüllt, denn wer sie bis zum Rand füllt, hat sie nicht verstanden. Denken kann sie nur, solange sie warm ist. Bei achtundsechzig Grad ist sie hellwach, unter dreißig döst sie weg. Von jeder Nacht bekommt sie die erste Hälfte mit.

Menschen kennt sie an den Füßen: an denen, die sie mit den Zehenspitzen prüfen wie Badewasser, an denen, die treten, und an denen von Jule. Jule ist Fahrradkurierin, kommt nach neun Stunden Gegenwind eiskalt unter die Decke und sagt jedes Mal leise: Oh Gott, ja. Die Wärmflasche erzählt von ihren Vorfahren, Bettpfannen mit glühenden Kohlen, von einer Nacht mit Bauchweh und einem Sommer als Kühlkissen, den sie komplett verschlafen hat.

Eine Folge über geliehene Wärme, über eine Wärmflasche, die eigentlich längst ausgetauscht gehört, und über einen Winterabend mit einem Karton, der knistert.

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7:45

Ein Benzin-Rasenmäher, vier Takte, sechsundvierzig Zentimeter Schnittbreite. Er springt beim dritten Zug an, immer: Beim ersten ist er noch nicht da, beim zweiten denkt er nach, beim dritten kommt er. Sehen kann er nichts, und solange er läuft, hört er nur sich selbst. Alles andere erfährt er über die zwei Hände am Holm.

Herr Marquardt mäht in Bahnen, gerade, parallel, jede überlappt die vorige um eine Handbreit. Hinter der Hecke mäht Herr Pohl, samstags ab drei, immer dreißig Sekunden später, damit es nicht aussieht, als hätte er gewartet. Sohn Nils mäht Kringel und hat einmal den Gartenschlauch erwischt. Der Rasenmäher erzählt von Edwin Budding, der 1830 eine Maschine aus der Tuchfabrik auf Räder stellte, und von einer Tochter, die sagt, der Duft von frisch gemähtem Gras sei ein Notruf.

Eine Folge über Arbeit, die am nächsten Tag wieder verschwindet, über zwei Nachbarn, die nichts sagen, und über einen Streifen Gras an der Hecke, der im Frühjahr stehen bleiben darf.

  • Garten
  • Nachbarn
  • Bienen
7:19

Eine Wäscheklammer, zwei Holzhälften und eine Feder aus Stahl, seit vier Jahren an der Leine im Hof. Sie hat genau eine Fähigkeit: Sie hält. Ihr ganzes Gesicht besteht aus Zubeißen, und das prägt den Charakter.

Sehen kann sie nichts, aber sie erkennt jedes Stück am Zug: Ein nasses Handtuch ist Schwerarbeit, eine Socke ein Hauch, ein Bettbezug bläht sich auf wie ein Segel. Bei Badeanzügen liegt sie immer falsch. Sie gehört Frau Pahlke aus dem zweiten Stock, die samstags gegen elf aufhängt und dabei halblaut zählt. Einmal hat die Klammer ein Unterhemd an eine Böe verloren, und es kam gewaschen und gefaltet vom Nachbarn zurück. Und sie erzählt von einer entfernten Verwandten in Philadelphia, einer Wäscheklammer aus Stahl, so hoch wie ein Haus, die nichts hält.

Eine Folge über Festhalten und Loslassen und über einen Samstag im Mai, an dem ein fremdes Hemd auf der Leine hängt.

  • Hof
  • Nachbarschaft
  • Wäsche
7:55

Folge 15

Das Babyphon

Das Babyphon steht auf einer Kommode im Kinderzimmer, dreißig Zentimeter neben einem Kopfkissen, das kleiner ist als ein Brotbrett. Es ist der Teil mit dem Mikrofon, das Modell für Eltern, die dem Ohr noch trauen. Jede Nacht hört es den Atem eines Kindes, das es nie gesehen hat.

Eine Rangordnung der Geräusche kennt es nicht: Ein Schluckauf, ein Seufzer, eine Motte am Lampenschirm, alles geht mit derselben Sorgfalt hinaus. Ida lacht im Schlaf, dreimal, und eine Minute später kommen sehr schnelle Schritte in Socken. Ihr Vater Henrik hat am ersten Abend die ganze Anleitung laut vorgelesen, auch das Kapitel Entsorgung, und fast jede Nacht um zehn nach drei kommt er leise ins Zimmer. Dazu erzählt das Babyphon von seinem Vorfahren Radio Nurse aus dem Jahr 1937, der aussah wie ein kleiner, strenger Kopf.

Eine Folge über Stille als schwierigste Information, über junge Eltern und über ein Kind, das mit zwei Jahren einen Namen für das Babyphon findet.

  • Eltern
  • Kinderzimmer
  • Nacht
7:01

Eine Spülmaschine, zwölf Maßgedecke, Unterbau links neben dem Herd. Sehen kann sie nichts, aber ein Sensor schickt Licht durch ihr Wasser und misst, wie trüb es ist. So kennt sie die Menschen in ihrer Küche an dem, was sie stehen lassen. Am Rand einer Auflaufform erfährt man mehr über einen Charakter als in jedem Lebenslauf.

Sie kennt die Vorspüler, die aufräumen, bevor die Putzfrau kommt, und die Optimisten mit dem Holzbrett. Sie erzählt von Josephine Cochrane, die ihr Porzellan so liebte, dass sie die Spülmaschine erfand. Und sie kennt Herrn Lambrecht, der allein lebt, einen Teller am Tag benutzt und sie erst startet, wenn sie voll ist. Dann drückt er den Knopf und sagt: So. Das ist ihr ganzes Gespräch.

Eine Folge über Einsamkeit, die man an klarem Spülwasser erkennt, über gute Arbeit, die man nicht sieht, und über ein einziges Glas, das eines Morgens fehlt.

  • Küche
  • Einsamkeit
  • Alltag
6:52

Eine Straßenlaterne am Mühlgraben, Ecke Kastanienweg, fünfeinhalb Meter hoch. Sie hat die beste Bühne der Stadt: einen Lichtkreis von zwölf Schritten. Sie sieht genau das, was sie anleuchtet, und wer den Kegel verlässt, hat für sie das Stück verlassen.

Jeden Abend gegen elf kommt der Mann mit dem Dackel und schaut in den Himmel, während der Dackel tut, was Dackel tun. Um zehn nach zehn stellt sich Frau Ahrens in die Mitte des Kreises und probt ihre Rolle für das Laientheater, eine Gräfin, die ihr Schloss verkaufen muss. Und immer bleibt sie nach demselben Wort stecken. Dazu erzählt die Laterne von Faltern, die sie für den Mond halten, und von Laternenanzündern mit Stiefeln und Taschenuhr.

Eine Folge über Licht und das, was es überstrahlt, über eine Premiere und über einen Freitagabend, an dem im ganzen Viertel der Strom ausfällt.

  • Theater
  • Nacht
  • Sterne
7:55

Folge 12

Die Drehtür

Die Drehtür am Haupteingang eines Hotels, vier Flügel aus Glas und Messing, genau in die Wand gestellt, damit sie dem Haus und der Straße gleich weit entgegenkommt. Sie ergreift für keine Seite Partei. Sehen kann sie nicht, sie kennt die Menschen als Druck, Gewicht und Streifen Kälte.

Eine flache Hand heißt höflich, eine Schulter heißt eilig, ein Tritt gegen die Bodenleiste ist persönlich gemeint. Wer schiebt, den hält sie an, das ist Vorschrift. Sie hat einmal die Schleppe einer Braut eingeklemmt und einen Kontrabass für eine Begleiterin von strenger Haltung gehalten. Sie erzählt, dass ihre Familie 1899 in einem Restaurant am Times Square angefangen hat, und warum sie die einzige Tür ist, die gleichzeitig offen und zu ist. Jeden Morgen um fünf putzt sie Frau Nowack, die Einzige, die sie berührt, ohne durch sie hindurchzuwollen.

Eine Folge über die Frage, ob man ein Ort ist oder nur ein Weg, und über eine Reise mit null Metern Strecke.

  • Hotel
  • Frühschicht
  • Unterwegs
7:17

Der Scanner an Kasse drei liest neunundneunzig von hundert Strichcodes beim ersten Versuch. Was die Leute kaufen, weiß er nicht. Er sieht nur Streifen, schwarz, weiß, breit, schmal. Ein Vierundzwanzigerpack Klopapier und ein Diamantring sind für ihn dasselbe.

Tiefkühlerbsen im Raureif sind sein liebster Schwierigkeitsgrad, Obst ohne Strichcode kränkt ihn. Dagmar hat die Frühschicht an Kasse drei, sagt jeden Preis, bevor er piept, und kennt die Nummer für Bananen auswendig. Er erzählt von seinem Urahn, über dessen Glas 1974 in Ohio der erste Artikel mit einem Piepton ging, eine Packung Kaugummi, und von einem Jungen mit selbst gemaltem Strichcode für Schokolade.

Eine Folge über das Lesen, über Genauigkeit und über eine Kassiererin, die lernt, um eine kleine Macke herumzuarbeiten.

  • Supermarkt
  • Kassiererin
  • Arbeit
6:00

Eine Federwaage im Bad, zwischen Heizkörper und Wäschekorb, belastbar bis hundertfünfzig Kilo. Sie ist die Einzige in der Wohnung, die jeden Morgen bei null anfängt. Die Zahl, die sie anzeigt, hat sie selbst noch nie gesehen.

Seit siebenundzwanzig Jahren gehört sie Frau Adamek. Die legt vorher die Ohrringe ab, lässt den Bademantel fallen, setzt den linken Fuß ganz vorsichtig auf, hält die Luft an und sagt danach zwei Wörter: Na gut. Die Ehrlichste im Haushalt ist Kalle, die Katze, vier Kilo einhundert, ohne Luftanhalten. Und die Waage verrät, dass sie eigentlich keine Kilo misst, sondern wie fest die Erde an jemandem zieht. Auf dem Mond würden aus sechzig Kilo zehn.

Eine Folge über Zahlen und Gefühle, über Silvesterbesuch, der behauptet, die Waage gehe falsch, und über den Unterschied zwischen dem, wie schwer jemand ist, und dem, wie schwer er es nimmt.

  • Badezimmer
  • Körper
  • Gelassenheit
6:22

Offiziell ist die Fernbedienung der Chef im Wohnzimmer: Ein Druck von ihr, und ein Fernseher, zwanzigmal so groß, macht sich an die Arbeit. Ob er es wirklich tut, weiß sie nie. Sie sendet in einen Raum, den sie nicht sieht, und liest am Daumen ab, ob ihre Befehle befolgt wurden.

Malte erkennt sie an seinem Daumen: Ein ruhiger heißt, es läuft etwas Gutes, einer, der in neunzig Sekunden durch fünfundvierzig Sender jagt, heißt, Malte hat Hunger und will nicht aufstehen. Sie wohnt zur Hälfte in der Sofaritze, neben einem Haargummi, drei Münzen und einem Chip, und erzählt von ihren Vorfahren: Fernsehern, die in den Fünfzigern auf Lichtstrahlen reagierten und angeblich den Sender wechselten, sobald draußen eine Wolke weiterzog.

Eine Folge über Befehle ins Dunkle, über Licht, das Menschen nicht sehen, und über einen Abend im Herbst, an dem im Wohnzimmer plötzlich alles still wird.

  • Fernsehen
  • Wohnzimmer
  • Beziehung
6:58

Die mittlere von drei Glocken, seit fünfundsiebzig Jahren im Turm. Links hängt die Große, die sich für den Turm hält, rechts die Kleine, die sich für den Sommer hält. Und sie selbst hört schlecht. Berufskrankheit.

Die Stadt kennt sie nur als Geräusch: Klappern ist Markt, ein Motor, der alle fünfzig Meter hält, ist Müllabfuhr, Hupen ohne Wut ist Hochzeit. Einmal war es Fußball. Sie erzählt, dass ihr Schlagton womöglich gar nicht in ihr steckt, sondern erst im Ohr entsteht. Und sie erzählt von Herrn Haberkorn, dem Mesner, der seit vierzig Jahren die zweiundsechzig Stufen hinaufsteigt und die flache Hand auf ihre Flanke legt, weil er sie nur bis zur Mitte hört. Den Rest fühlt er.

Eine Folge über einen Ton, den man vielleicht gar nicht hat, über Silvester aus Sicht einer Glocke und über einen Mesner, der sich im Frühjahr neue Ohren machen lässt.

  • Kirche
  • Hören
  • Alter
6:38

Ein Bierdeckel, gut zehn Zentimeter rund, elf Abende im Dienst, wo der Durchschnitt bei einem liegt. Er heißt Deckel und liegt unten. Das ist der erste Fehler in seiner Stellenbeschreibung, und der ist über hundert Jahre alt.

Er spürt Gewicht, Kälte, Nässe und das Brummen der Stimmen durch die Tischplatte. Am Glas erkennt er den Abend: Schwer und lange stehen gelassen heißt, es wird geredet. Nervosität sitzt in den Fingern, die ihn drehen, vierundzwanzig Vierteldrehungen in zehn Minuten. Nadine, die Kellnerin, führt auf seinem Rand Buch, Strich für Strich. Arne von Tisch sieben knibbelt ihn jeden Donnerstag in Streifen. Und Tisch sieben hat ein kurzes Bein, links hinten.

Eine Folge über eine Kneipe von unten, über einen Zeugen, der nicht bestechlich ist, nur leicht feucht, und über einen Donnerstag, an dem ein Bierdeckel einen Beruf bekommt, in dem es auf ihn ankommt.

  • Kneipe
  • Stammgäste
  • Alltag
6:08

Folge 6

Das Navi

Ein Navi, sieben Jahre alt, der Saugnapf leicht ausgeleiert, die Straßenkarte ebenfalls sieben Jahre alt. In all der Zeit hat es nie gesagt: Ich habe es Ihnen doch gesagt. Sein schärfster Satz lautet: Bitte wenden, wenn möglich. Das Wenn möglich ist alles, was es an Bosheit besitzt.

Sehen kann es nicht, und ein Mikrofon hat man ihm nicht zugetraut. Es hat die Satelliten, deren Uhren oben schneller gehen als unten, und die Fingerkuppen auf dem Glas. Sein Fahrer Konrad wartet Kaffeemaschinen. Jeden zweiten Sonntag tippt er dieselbe Adresse ein, Kirschenweg vier, Buchstabe für Buchstabe, ohne sie je zu speichern. Er hält gegenüber, wartet elf Minuten und fährt wieder nach Hause.

Eine Folge über Uhren, die unten falsch gehen, damit sie oben stimmen, und über die Frage, ob man sein Ziel erreicht hat, wenn man gegenüber parkt.

  • Auto
  • Satelliten
  • Ankommen
7:23

Ein Dosenöffner, einunddreißig Sommer alt, gekauft im Baumarkt für eine Mark neunundneunzig. Er wohnt in einer Schublade, die zweimal ruckelt, bevor sie nachgibt, in einem Wohnwagen auf Platz siebenundvierzig. Er ist der Regenbeauftragte: Bei Sonne wird gegrillt, aber sobald es aufs Dach trommelt, ist er dran.

Was in der Dose ist, erkennt er am Widerstand: Tomate klebt, Ananas beißt, Kondensmilch zieht Fäden, Erbsen machen nie Ärger. Er kennt jede Hand, die ihn dreht, vor allem die von Tietjen, dessen Daumen eine Mulde in seinen Griff gedrückt hat. Seit die Nachbarin Saskia ihn sich einmal geliehen hat, sitzt der Nachbarwagen bei Regen mit am Tisch. Und er erzählt, dass man die ersten Konservendosen noch mit Hammer und Meißel öffnen sollte.

Eine Folge über ein Ding, das man nicht mehr braucht und trotzdem nimmt, über Nachbarschaft auf dem Campingplatz und über Hände, die mit den Jahren schwächer werden.

  • Camping
  • Nachbarschaft
  • Alter
7:21

Eine Neun-Volt-Batterie im Rauchmelder, Flurdecke, zweiter Stock, Wohnung drei. Ihr Beruf ist Bereitschaft, und ihr bestes Ergebnis ist, dass es nie brennt. Sie hat den einzigen Beruf, in dem eine Woche ohne jedes Ereignis als Höchstleistung gilt. Nur merkt es keiner.

Sehen und hören kann sie nicht, sie spürt Temperatur und das Zittern in der Decke. Monatelang glaubt sie, oben werde sonntags um zehn ein Klavier gerückt. Jeden ersten Samstag im Monat prüft Herr Wessel sie mit dem Besenstiel, und sie hat nie gepatzt. Dazu erzählt sie von ihrer Familie, die mit einem Streit über zuckende Froschschenkel und einem Mann namens Volta beginnt, und verrät, dass sie innen eigentlich sechs ist.

Eine Folge über einen Beruf, den man nur bemerkt, wenn etwas schiefgeht, über einen Sonntag mit Toast und darüber, was ein einzelnes Wort unter der Decke bedeuten kann.

  • Rauchmelder
  • Nachbarschaft
  • Erfindungen
6:36

Ein Geldautomat in einer Nische zwischen Apotheke und Reisebüro, geöffnet immer. Sein Wortschatz umfasst dreiundsechzig Sätze, und jeder beginnt mit Bitte. Sehen kann er nichts, aber jede Taste verrät ihm, wie fest, wie lange und wie oft jemand drückt. Am Druck eines Fingers erfährt er mehr als andere am Gesicht.

Er kennt die Schnellen, die ihre Geheimzahl tippen wie Pianisten, und die Suchenden, die zwischen den Ziffern im Kopf durch ein altes Haus gehen. Er kennt jeden Kontostand und verrät keinen. Dazu erzählt er die Geschichte, warum Geheimzahlen angeblich vier Ziffern haben: Der Erfinder wollte sechs, doch seine Frau konnte sich nur vier merken.

Und dann ist da die Freitagsfrau, jeden Freitag um Viertel nach vier, immer vierzig Euro, nie ein Beleg. Eine Folge über Geld, das in die Welt hinausgeht, über einen Automaten, der nie erfährt, wohin, und darüber, was man von jemandem weiß, den man nur als Betrag kennt.

  • Geld
  • Alltag
  • Stammkundin
6:24

Ein Walkman, blau und silber, Stereo, ohne Aufnahmetaste, und auf die fehlende Taste legt er Wert: Er spielt ab, was man ihm gibt, und äußert dazu keine Meinung. Sehen kann er nichts, hören fast nichts. Was er von seiner Besitzerin Heike weiß, weiß er durch ihren Daumen.

Heike ist sechzehn, fährt mit ihm Fahrrad und klopft den Takt auf sein Gehäuse, ohne es zu merken. Siebzehn Lieder kennt er, nicht als Lieder, sondern als Klopfmuster: Eines heißt bei ihm das Klopflied, ein anderes der Regen. Er erzählt, warum er in Amerika einmal Soundabout hieß und in England Stowaway, was eine orange Taste namens Hot Line kann und warum ein Bleistift das Zärtlichste ist, was er je erlebt hat.

Eine Folge über Musik, die man nur von unten kennt, über ein Band, über dessen Hülle Heike jedes Mal mit dem Daumen strich, und über zwei Kopfhörerbuchsen.

  • Musik
  • Kassette
  • Jugend
7:27